Feierliche Eröffnung der Ausstellung "Ich habe die tschechische Sprache geheiratet" in Frankfurt am Main

Am 29. September 2026 wurde auf dem Vorplatz der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main die Ausstellung „Ich habe die tschechische Sprache geheiratet.“ Reiner Kunze und die tschechische Poesie feierlich eröffnet. Anlässlich der Frankfurter Buchmesse präsentiert die Reiner und Elisabeth Kunze Stiftung gemeinsam mit ihren Kooperationspartnern die deutsch-tschechische Ausstellung, die Reiner Kunzes literarischem Werk und seinen engen Verbindungen zur tschechischen Literatur gewidmet ist.
Im Mittelpunkt stehen Reiner Kunzes Freundschaften mit den bedeutenden tschechischen Schriftstellern Ludvík Kundera, Milan Kundera und Jan Skácel sowie sein Engagement für die tschechische Literatur als Übersetzer und literarischer Vermittler. Die Ausstellung schlägt den Bogen von den historischen Erfahrungen der Menschen in der Tschechoslowakei und der DDR zu aktuellen Fragen von Freiheit, Demokratie und europäischer Verantwortung. Sie macht deutlich, welche Kraft Literatur entfalten kann, wenn sie Grenzen überwindet.
Zahlreiche Gäste aus dem In- und Ausland
Zur Eröffnung begrüßten Frank Scholze, Generaldirektor der Deutschen Nationalbibliothek, und Prof. Dr. Tomáš Kubíček, Generaldirektor der Mährischen Landesbibliothek in Brünn, die zahlreichen und teilweise weit angereisten Gäste mit herzlichen Grußworten. Gekommen waren u.a. alte Wegbegleiter der Familie Kunze aus Thüringen, Zeitzeugen, die als politische Häftlinge der DDR durch die Bundesrepublik Deutschland freigekauft worden waren oder auch die südkoreanische Übersetzerin von Reiner Kunze Frau Prof. Young-Ae Chon aus Seoul. Auch Prof. Dr. Sandra Huebenthal, Vorsitzende des Senats der Universität Passau, war anwesend. Zudem war das Leitungsteam für die Programmgestaltung Tschechiens als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse mit großem Interesse dabei: Neben Tomáš Kubíček auch Martin Krafl, Direktor des Tschechischen Literaturzentrums und Programmdirektor CZECHIA 2026 und Jana Hájková, Projektmanagerin des Projektes CZECHIA 2026.
Einblicke in Literatur und Archiv
Die Kuratorin Dr. Linda von Keyserlingk-Rehbein führte in die Ausstellung ein und gab zugleich Einblicke in ihre begleitenden Forschungen an der Universität Passau zur Entstehungsgeschichte von Reiner Kunzes Prosaband Die wunderbaren Jahre. Das Buch war vor genau 50 Jahren, zur Frankfurter Buchmesse 1976, erstmals erschienen und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Kunze schilderte darin unter anderem das Schicksal seiner tschechischen Dichterfreunde, die nach der Niederschlagung des Prager Frühlings mit Publikationsverboten und staatlichen Repressionen konfrontiert waren. Dabei griff er auch auf Briefe zurück, aus denen er teilweise wörtlich zitierte.
Wie eng Kunzes literarische Texte mit diesen historischen Quellen verbunden sind, verdeutlichte eine anschließende Audio-Lesung ausgewählter Passagen aus dem Kapitel „Café Slavia“ der Wunderbaren Jahre, eingelesen von dem Schauspieler Winfried Glatzeder. Begleitend zur Lesung wurden auf einer Leinwand historische Dokumente aus dem Archivbestand der Kunze Stiftung gezeigt, auf die sich Kunze beim Verfassen seiner Texte gestützt hatte. Diese Quellen hatte Kunze sorgfältig aufbewahrt und teilweise auf konspirativem Wege zu einem Freund in die Bundesrepublik geschickt. Seine akribische Dokumentation diente auch dazu, sich gegen mögliche Vorwürfe abzusichern, er habe die Wahrheit verdreht oder übertrieben.
Die Gegenüberstellung von literarischem Text und historischem Dokument machte eine besondere Dimension seines Werkes sichtbar: Kunze war nicht nur Lyriker, Prosaautor und Übersetzer, sondern zugleich ein genauer Beobachter und Chronist staatlichen Unrechts.
Musik und Begegnung
Musikalisch umrahmt wurde die Ausstellungseröffnung vom Cello-Duo Berger (Hyun-Jung Berger und Julius Berger), dessen eindrucksvolles und berührendes Spiel dem Abend eine besondere Atmosphäre verlieh.
Durch das Programm führte Renate Braun, Vorstandsvorsitzende der Reiner und Elisabeth Kunze Stiftung, kenntnisreich und einfühlsam.
Die für den öffentlichen Raum neu konzipierte Ausstellung wurde von Dr. Winfried Helm und Dionys Asenkerschbaumer gestaltet. Sie ist auf dem Vorplatz der Deutschen Nationalbibliothek rund um die Uhr frei zugänglich und lädt dazu ein, Reiner Kunzes literarisches Werk und seine deutsch-tschechischen Freundschaften neu zu entdecken.
Begleitprogramm für Schulklassen
Begleitend zur Ausstellung bietet das Labor für Demokratiebildung der Universität Passau gemeinsam mit dem Deutschen Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek Workshops für Schulklassen zum Thema „Exil und politische Lyrik von 1933 bis heute“ an. Sie eröffnen jungen Menschen einen Zugang zur Bedeutung von Literatur als Ausdruck von Freiheit, Widerstand und Selbstbehauptung.
Kooperation
Deutsches Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek · Reiner und Elisabeth Kunze Stiftung · Milan Kundera Bibliothek der Mährischen Landesbibliothek Brünn (MZK) · Labor für Demokratiebildung der Universität Passau
Förderung
Dr. Hans-Karl Fischer-Stiftung, Passau · Deutsch-Tschechischer Zukunftsfonds, Prag
Ausstellungsteam
Dr. Linda von Keyserlingk-Rehbein · Dr. Winfried Helm · Dionys Asenkerschbaumer · Renate Braun · Markus Gerstmeier, M. A. · PhDr. Mojmír Jeřábek, Ph.D. · PhDr. Jindra Pavelková, Ph.D.
Begleitender Ausstellungsband (deutsch/tschechisch)
Linda von Keyserlingk-Rehbein, Winfried Helm (Hg.): „Ich habe die tschechische Sprache geheiratet.“ Reiner und Elisabeth Kunze, 2., erweiterte Auflage, Berlin 2025.
Erhältlich im Buchhandel und beim Lukas Verlag.












